Was sind digitale Wissenschaften?

von | 22.03.2019 | Digitale Wissenschaften

Die Berlin University of Digital Sciences trägt sie bereits in ihrem Namen: die digitalen Wissenschaften. Auch wenn es auf den ersten Blick den Eindruck erweckt, so ist der Begriff jedoch nicht selbsterklärend. Was also sind digitale Wissenschaften? Ist es nicht all das, was mit ‚digital‘ zu tun hat? Gewissermaßen schon. Doch diese Definition greift viel zu kurz.

Ist alles in digitaler Transformation?

In Zeiten, in denen digitale Technologie unsere Lebenswelt immer mehr durchdringt, wird vor allem ein Aspekt des Digitalen deutlich. Nämlich die schnelle und fortlaufende Veränderung. Dieser Veränderung ist auch unser Sprachgebrauch unterworfen. Viele Begriffe, die im digitalen Zusammenhang kreiert werden, verbreiten sich rasend schnell und werden in jeglicher Situation verwendet. Der Begriff „digitale Transformation“ ist zu so einem Buzzword geworden. Jeder verwendet und legt ihn nach Herzenslust aus. Für die einen sind es die Mobiltelefone. Für den anderen Wearables. Wieder andere meinen künstliche Intelligenz, die Cloud oder Datensammlung im großen Stil. Dinge, die in unsere Lebenswelt eindringen und uns verändern. Dabei wird ein wesentlicher Aspekt zunehmend übersehen.

Egal, ob im unternehmerischen Umfeld, der Bildungslandschaft oder der Verwaltung – die digitale Transformation scheint ein großer Vorgang zu sein, bei dem jeder mitmachen muss. Oder darauf reagieren muss, will man nicht den Anschluss verpassen. Was dabei gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass die digitale Transformation im größten Teil unserer Gesellschaft bereits vollzogen ist. Sie ist nichts, was uns bevorsteht, sondern sie liegt bereits hinter uns. Der überwiegende Teil unseres Lebens findet bereits online oder von digitaler Technologie unterstützt statt. Kein Unternehmen, das nicht mindestens mit Computern, E-Mail und sonstiger digitaler Technologie ausgestattet wäre und damit den Arbeitsalltag seiner Angestellten prägt. Wir dürfen also von Digitalität sprechen. Die Herausforderung für die zu Beginn des Abschnitts genannten Bereiche ist nun, mit dieser Digitalität optimal umzugehen.

Schon seit Jahren ist sie auf dem Vormarsch ….

Weil die Wahrnehmung der Digitalisierung überwiegend auf die Ebene der Technologie verortet ist, sind dies auch die Bereiche, in denen agiert wird. Das „Digitale“ muss überall eingeführt werden. Also treiben Unternehmen die Einführung digitaler Technologie voran. In Schulen werden Computerräume eingerichtet, Programmierkurse angeboten und Elektrotechnik-AGs aus dem Boden gestampft. Doch ist das Digitalisierung? An den Universitäten erkennt man, dass die Wirtschaft einen großen Bedarf an Fachleuten in den ingenieurwissenschaftlichen Disziplinen hat. So reagiert man mit dem Aufwachsen eben dieser Bereiche. In der Verwaltung werden Bildungsausflüge organisiert, auf denen man Estland besucht. Und danach davon schwärmt, wie dieses kleine Land es geschafft hat, verwalterisch zum digitalen Vorreiter in Europa zu werden. Zynisch könnte hier jetzt angemerkt werden, dass genau darin der Trugschluss liegt: ein kleines Land wie Estland zu digitalisieren gelingt mit einer Software-Suite, die normalerweise für mittelständische Unternehmen gedacht ist. Bei Ländern von der Größe und Organisation Deutschlands hat man es mit ganz anderen Herausforderungen zu tun. Doch das ist ein anderes Thema. Im Mittel wird das, was schon seit Jahren auf dem Vormarsch ist, vermehrt gefördert. Und gleichzeitig gehofft, damit digitale Souveränität aufzubauen.

Betrachten wir das Thema MINT. Dieser Begriff fasst die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zusammen. Das sind jene Säulen, die den digitalen Fortschritt letztlich erst ermöglicht haben. Daher liegt es nahe, genau diese Bereiche verstärkt zu fördern, ganz egal, ob Schule, Wirtschaft oder Verwaltung. Und das ist genau das, was gerade passiert. Doch wird da nicht etwas Grundlegendes übersehen? Einen ersten Hinweis bekommen wir, wenn wir die Bereiche betrachten, in denen Innovation stattfindet. Innovationen im digitalen Zeitalter sind nämlich selten Durchbrüche in einzelnen Spezialbereichen. Quantencomputer könnten zwar seit langem wieder einen solchen Durchbruch darstellen. Üblich sind diese jedoch nicht.

MINT und die stukturbezogenen Herausforderungen

Innovation ist in der Regel ein übergreifender Vorgang. Nämlich dann, wenn verschiedene Bereiche geschickt kombiniert werden, entstehen neue Anwendungen. Diese können schnell Anschluss finden und gelegentlich sogar massiv disruptiv wirksam sein. Beispiele sind das Online-Kaufhaus Amazon oder der technische Alleskönner iPhone mit der ganzen dranhängenden Infrastruktur. Die tragenden Faktoren hierbei waren nicht die technologischen Entwicklungen, sondern das Verständnis der Zusammenhänge zwischen Technologie, der menschlichen Lebenswelt und der Märkte. Es geht um strukturelles Denken und das damit verknüpfte Verständnis.

Zurück zum Begriff MINT. In der deutschen Debatte taucht zunehmend der Begriff Strukturwissenschaft auf, den man in die MINT-Disziplinen einführen möchte. Carl Friedrich von Weizsäcker führte seinerzeit in diesem Zusammenhang unter anderem Begriffe wie Kybernetik, Informations-, System- und Spieltheorie ein. Nun sind diese Begriffe Teil des Standardrepertoires in Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurswissenschaft. Eine klare Trennung oder Gliederung hierbei zu finden, gestaltet sich schwer. Unterstützung bietet ein Blick in den angelsächsischen Raum, wo das Akronym „STEM“ Anwendung findet. Dieses meint nach den Anfangsbuchstaben „Science, Technology, Engineering and Mathematics“. Der Begriff Informatik als solcher fehlt hier. Und das ist gut, denn Informatik kann als verbindende Wissenschaft der STEM-Disziplinen verstanden werden. (Ein Hinweis an dieser Stelle: die Auseinandersetzung u.a. mit den Begriffen Strukturwissenschaft, MINT und STEM erhebt nicht den Anspruch der Vollständigkeit und letztlicher Korrektheit. Sie stellt einen Versuch dar, den komplexen Sachverhalt erkennbar zu machen.)

Digitale Wissenschaft unterstützt Computerwissenschaft darin, ihr breites verbindendes Potential weiterzuentwickeln.

Informatik als verbindende Wissenschaft verstanden, hat eine große prägende Eigenschaft für die Entwicklung von Technologie und unsere Kommunikation mit dieser. Sie fungiert also als strukturgebendes Element digitaler Technologie, womit der Schritt zur Strukturwissenschaft kein großer mehr ist. Anders formuliert könnte man Informatik nicht als weiteren, in der digitalen Zeit relevanten Bereich neben den MINT-Fächern betrachten. Sondern vielmehr als eine Art übergeordnete, integrierende Disziplin. Denn Informatik kommt ohne die anderen Bereiche nicht aus. Gleichzeitig fordert und spendet sie jedoch das strukturelle Wesen unseres digitalen Fortschritts. Damit wird auch der Sinn einer digitalen Grunderziehung oder Grundbildung deutlich und deren Notwendigkeit für unsere geistig-digitale Weiterentwicklung verständlich.

Was nun in Wirtschaft, Bildung und Verwaltung momentan geschieht, erscheint vor dem geschilderten Hintergrund wesentlich zu kurz gedacht. Es sind nicht mehr Fachkräfte, die hier gebraucht werden, um die notwendigen Schritte zu tun. Es sind Strukturdenker, die die Zusammenhänge verstehen. Neben Technologie, Theorie und den mensch-bezogenen Aspekten müssen sie vor allem eines beherrschen: die Interdisziplinarität. Direkt damit verbunden sind Fertigkeiten in flexiblem, zeitgemäßem Leadership. Diese haben den Menschen im Fokus und setzen stets an der Dienstbarkeit der Technologie für die Gesellschaft an. Welche Folgen das hat für die Struktur des Arbeitsmarktes, des Unternehmertums und in Rückkoppelung darauf für die Hochschulbildung, soll Inhalt einer anderen Auseinandersetzung sein.

Trainieren strukturellen Denkens in realen Projekten

Die digitalen Wissenschaften tragen diesen Ausführungen insoweit Rechnung, als dass sie dieses übergeordnete Verständnis und strukturelle Denken schulen. Anspruch einer Universität kann es nicht sein, mehr Fachkräfte zu erzeugen, deren Perspektive in einer sich schnell wandelnden Arbeitswelt auf eine sehr schmale Nische beschränkt ist. Dass Universitäten die individuelle Entwicklung der Persönlichkeit fördern und zu einer freien und mündigen Partizipation in der Gesellschaft führen sollen – diesem Gedanken kann nur eine breit angelegte und strukturell übergreifende Denkschule entsprechen. Essenziell für eine erfolgreiche Entwicklung in diesem Sinne sind Erfahrungen, die bereits die persönlichen Neigungen berücksichtigen. Dieser Idee folgt die inhaltliche Konzeption der Berlin University of Digital Sciences, indem bereits im Studium durch zahlreiche Einbindungen in echte Projekte die Fertigkeiten zum übergreifenden Denken und Handeln fördern. Skills in Kommunikation, Projektmanagement, Leadership und Unternehmertum werden so bereits früh geschult, auf die Probe gestellt und weiterentwickelt.

Diese Ausführungen sollen eine erste Perspektive auf die digitalen Wissenschaften aus Sicht der Berlin University of Digital Sciences ermöglichen. In einem weiteren Schritt sind die Implikationen für die weiterführenden Zweige der Geistes- und Sozialwissenschaften zu diskutieren. Denn auch diese profitieren von strukturell konsequent angelegter Forschung und Lehre in den digitalen Wissenschaften und haben gleichzeitig einen großen Einfluss auf deren inhaltliche Ausrichtung. Dieses grundlegende Verständnis von digitalen Wissenschaften ist einer der wesentlichen Grundbausteine gelingender Bildung und Erziehung im digitalen Zeitalter. Dabei beschränkt sich dies nicht auf die Hochschule, sondern trägt sowohl bis in die grundlegenden Bildungsbereiche, als auch in die Welt der beruflichen Aus- und Weiterbildung. Es liegt nun am Menschen, die Bereitschaft aufzubringen, auch die Grundlagen unserer bisherigen Bildungskonzeption zu hinterfragen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Technologie, maschinelles Lernen und die „klügsten“ Algorithmen allein sind dazu nicht in der Lage. –FF–

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